"Verknüpfungen" - im Gespräch mit Ann-Kathrin Carstensen von RITA IN PALMA

"Verknüpfungen" - im Gespräch mit Ann-Kathrin Carstensen von RITA IN PALMA

BERLIN, next floor:

Liebe Ann-Kathrin, ich freue mich heute mit dir über das Thema „Verknüpfungen“ zu sprechen. Seit 9 Jahren hast du jetzt schon dein Schmucklabel „RITA IN PALMA“ und das besondere ist, du hast als Verein angefangen und Unterstützung von ganz besonderen Frauen. Würdest du uns etwas über die Geschichte und den Hintergrund deines Labels erzählen?

Ann-Kathrin Carstensen:

Vielen Dank für die Einladung zum Gespräch, liebes Team – ich freue mich auch sehr!

Du hast es ja schon angesprochen: Bei uns gibt es eine besondere Verknüpfung von High Fashion und integrativer Arbeit – zuerst war aber tatsächlich die Idee zum Label da: Bereits während meines Designstudiums habe ich mich mit Häkeltechniken auseinandergesetzt und 2012 bei einem Weinabend auf dem Sofa wurde RITA IN PALMA geboren, mit der Idee, türkische Häkelkunst mit innovativem Design zu verbinden und handgefertigte, einzigartige Accessoires zu entwickeln – Crochet Couture. Gerade hier in Berlin mit der starken türkischen Community vor der Tür, kam mir das schlagartig wie die beste Geschäftsidee überhaupt vor.  Ganz so einfach, wie ich mir das anfangs vorstellt habe, war es dann aber erst mal nicht: Ich musste ganz schön viel Überzeugungsarbeit leisten, bis die ersten Frauen mir vertrauten und sich auf das Projekt eingelassen haben. Das war für mich aber auch eine ganz wichtige Erfahrung und hat das gegenseitige Verständnis umso mehr gestärkt. Als der Stein dann ins Rollen kam, hat es sich herum gesprochen und immer mehr Frauen wollten dabei sein. In der Zusammenarbeit hat sich für mich schnell gezeigt, dass die Beziehung zu den Frauen – den Häkelköniginnen, wie ich sie nenne – mehr als nur ein reines Beschäftigungsverhältnis sein soll. Manche der Frauen hatten wenige bis gar keine Deutschkenntnisse, sie waren bisher immer nur für die Kinder da, kaum jemand hat sich um ihre Bedürfnisse gekümmert, viele steckten in der Langzeitarbeitslosigkeit und waren kaum integriert. Dabei haben sie alle ganz besondere Fähigkeiten und wahnsinnig viel zu bieten. Deshalb habe ich im zweiten Schritt unseren Verein für Integration, Bildung und Kunsthandwerk gegründet, der sich der Stärkung von muslimischen Frauen widmet. Dazu gehört beispielsweise, dass wir Deutschunterricht, gemeinsamen Sport sowie die Unterstützung bei Behördengängen oder Briefwechseln anbieten und ganz wichtig: einen geschützten Raum für interkulturellen Austausch und Begegnung. Was ich dabei besonders liebe, ist, dass wir hier jeden Tag gegenseitig voneinander lernen, es ganz viel wechselseitige Wertschätzung gibt und es keine Einbahnstraße ist. Wir begegnen uns hier vor allem auch mit viel Humor, Leichtigkeit und immer auf Augenhöhe – ich denke, in einer Gemeinschaft von Frauen steckt ganz viel schöpferische Kraft. Jede Frau bringt ja auch ihre individuellen Kenntnisse und Handarbeitsfähigkeiten mit – das ist für das Label wiederum ein unverzichtbarer Schatz. Gerade weil die Frauen an sehr exklusiven, hochwertigen Accessoires arbeiten, die von den Trägerinnen geschätzt werden – darunter auch prominente Frauen wie Michele Obama, Nazan Eckes oder Christiane Arp – merken die Häkelköniginnen, dass sie und ihre Stärken gebraucht werden. Das trägt wiederum zu einem besseren Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein bei. Es geht um Integration, Teilhabe an der Gesellschaft und den (Wieder-)Einstieg ins Erwerbsleben. Denn nur wer eine Perspektive hat, ist motiviert, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Mittlerweile sind auch Frauen aus Syrien, Pakistan, Libanon und dem Kosovo mit im Team – die türkischen Häkelköniginnen geben ihr Wissen weiter und die Frauen empowern sich auch gegenseitig. Das macht uns besonders stolz und unser Traum für die Häkelköniginnen ist es, unabhängig vom Label RITA IN PALMA, eine soziale Manufaktur aufzubauen und eines Tages die großen Couture Häuser der Welt mit ihrer Handarbeitskunst zu beliefern.

BERLIN, next floor:

Das klingt wundervoll!
Der Name „RITA IN PALMA“ ist sehr geheimnisvoll, da „RITA IN PALMA“ ja eigentlich in Berlin sitzt. Was steckt hinter diesem Namen und wie ist er entstanden?

Ann-Kathrin Carstensen:

RITA IN PALMA ist ein Kunstname – eine sehnsuchtsvolle, sinnliche Verheißung, mit der jede Trägerin des Schmucks ganz andere Bilder assoziieren kann. Eine „echte Rita“ gab es in meinem Leben aber schon, denn meine wunderbare Großmutter hieß so. Ich war schon als Kind, ohne damals Hollywood-Ikonen wie z.B. Rita Hayworth zu kennen, von diesem Namen fasziniert. Meine Oma sah das witziger weise ganz anders und konterte auf meine Begeisterung trocken „Kindchen, so heißen doch nur Tänzerinnen“ – das hat den Namen für mich natürlich nur noch reizvoller gemacht!  

BERLIN, next floor:

Würdest du sagen das nicht nur dein Schmuck geknüpft ist, sondern du auch Kulturen und Frauen verknüpfst? Könnten die Verknüpfungen symbolisch für all diese Verbindungen stehen?

Ann-KathrinCarstensen:

Absolut! „Verknüpfung“ ist eine wahnsinnig schöne Metapher für das, was wir bei RITA IN PALMA und mit dem Verein VON MEISTERHAND e.V. machen. Ganz konkret mit unseren in stundenlanger Handarbeit geknüpften Schmuckstücken, die alle Unikate sind und auch einen Teil der Geschichte der Häkelkönigin in sich tragen. Aber eben auch in der Verknüpfung von verschiedenen Kulturen, dem gegenseitig voneinander lernen und dem ganz Neuartigen, das daraus entsteht.  Bei Verknüpfung muss ich natürlich auch an Netzwerk denken und das ist, denke ich, für uns Frauen besonders wichtig. Wir blühen in der Gemeinschaft auf, wenn wir uns gegenseitig unterstützen. Daher ist die starke Community mit unseren Häkelköniginnen so wichtig, aber auch mit den Frauen, die RITA IN PALMA tragen oder den Verein unterstützen. Ich begegne immer wieder ganz tollen, spannenden Frauen und neue Perspektiven sowie Verknüpfungen entstehen. Meret Becker hat einmal über RITA IN PALMA gesagt, dass sie es faszinierend findet, wie diese leise feine Häkelarbeit etwas herstellt, das so eine große Kraft entwickelt und fast schon etwas Subversives hat – das mochte ich sehr! Und so sehe ich das auch: Aus vielen zarten Verknüpfungen kann etwas ganz Starkes mit viel Potenzial für Innovation entstehen. Das passiert ja auch bei BERLIN, next floor –indem ihr kuratiert und dadurch neue Blickwinkel und Verknüpfungen entstehen lasst und inspiriert.  

BERLIN, next floor:

Dein Schmuck ist sehr facettenreich und könnte an die unterschiedlichen Ausdrucksarten einer Frau erinnern. Was ist deine Inspiration bei den Designs und was sind deine Gedanken in der direkten Verbindung von deinen Kreationen zur Frau?

Ann-Kathrin Carstensen:

Spontan muss ich da an Chaka Khans „I’m every woman, it’s all in me“ denken. Wir Frauen tragen immer ganz unterschiedliche Facetten und auch Widersprüche in uns – das möchte ich zelebrieren und in meinen Designs widerspiegeln. Wir fühlen uns ja auch nicht jeden Tag gleich und genauso wandelbar ist RITA IN PALMA. Die Accessoires passen genauso zu

T-Shirt, Jeans und Lederjacke wie zum Damen-Smoking oder Abendkleid. Es gibt Designs, die sich super zu Streetstyle im Alltag kombinieren lassen, Looks, die eher verspielt oder romantisch sind und viele Colliers tragen eine subtile Sexyness, Sinnlichkeit und etwas Geheimnisvolles in sich. Es gibt auch ganz avantgardistische, extravagante Modelle. Ein Kragen trägt auch selbst unterschiedliche Facetten in sich und kann ganz verschiedene Wirkungen erzielen – je nachdem wie man ihn kombiniert. Spannend finde ich auch, wenn sich vermeintlich feminines und maskulines begegnen und „verknüpfen“ – z.B. bei unserer Smokingfliege für Frauen oder wenn man einen ganz filigranen Kragen zum Anzug trägt. Was alle RITA IN PALMA-Stücke verbindet, ist Einzigartigkeit – genauso individuell, wie es auch unsere Trägerinnen sind. Meine Inspiration beiden Entwürfen sind daher immer wieder starke Frauen! Daneben sind es die Häkeltechniken an sich: die Verknüpfung von Tradition und Moderne und die Frage, wie wir mit einem anderen Blick auf die Techniken etwas Neues kreieren können. Im Spannungsfeld von der Bewahrung einer über die Jahrhunderte überlieferten Handwerkskunst und Innovation spielt Nachhaltigkeit eine ebenso große Rolle wie eine „Rückkehr zur Menschlichkeit“. Unsere Schmuckstücke werden eben nicht von Maschinen hergestellt, sondern werden in Handarbeit von Frauen gefertigt – da steckt ganz viel Zeit, Liebe, Kunstfertigkeit, Qualität und ein hoher Wert drin. Sich diesen Wert immer wieder bewusst zu machen, gerade in unseren schnelllebigen (modischen) Zeiten finde ich sehr wichtig. Aktuell inspiriert mich auch, wie die vielen Videokonferenzen den Oberkörper modisch ganz neu in den Fokus rücken – damit ist RITA IN PALMA eigentlich gerade das Accessoire der Stunde.

BERLIN, next floor:

Gibt es Frauen Ideale die du mit deinem Schmuck verbindest?

Ann-Kathrin Carstensen:

Ich denke zum einen, dass in der Femininität eine ungeheure Kraft liegt, die viel zu lange unterschätz und auch unterdrückt wurde. Und zum anderen ist es das Ideal der unabhängigen Frau, die dennoch in einer Gemeinschaft aufgeht. Eine Frau, die sich ihrer schöpferischen, kreativen Kraft bewusst ist und weiß, dass wir gemeinsam doch immer noch ein bisschen stärker sind. Ich sage oft mit einem Kragen von RITA IN PALMA ändert sich die Haltung – man geht gleich etwas gerader und aufrechter durch die Welt. Und am Ende geht es mir bei allem, was ich tue – ob in der integrativen Arbeit oder bei meinem Label – genau darum: Frauen zu empowern und dazu beizutragen, dass sie sich selbst schön und selbstbewusst fühlen, in ihrem individuellen Ausdruck.

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