FriedrichDippmann

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THEKIDSWANTCOMMUNISM

is a collaborative textile project initiated by Agnes Friedrich and Ivonne Dippmann starting 2017.

Überlegungen zur sozialen Wirklichkeit

thekidswantcommunism ist ein Kunstprojekt in Form einer tragbaren, limitierten Strickedition, das unter dem Namen FriedrichDippmann von Agnes Friedrich und Ivonne Dippmann, 2016 ins Leben gerufen wurde. Sowohl Titel als auch visuelle Bildsprache dieses inhaltlich facettenreichen Projektes thematisieren zum einen Dippmanns Heimatstadt Karl-Marx-Stadt und verweisen zum anderen auf die Ausstellung The Kids Want Communism, einer zweijährigen Ausstellungsreihe, die damals von Joshua Simon im MoBY: Museums of Bat Yam, Israel kuratiert wurde. 

In dieser einzigartigen, bunten Strickedition treffen sich beide Künstlerinnen auf Augenhöhe. Friedrich, Textildesignerin, Permakulturinteressierte sowie Mitgründerin der diesjährigen Nachhaltigkeitsmesse Green Fashion Fair Berlin, und Dippmann, die als freischaffende Künstlerin zum einen klassisch in der Malerei ihre Interessen verankert aber zum anderen seit kleinauf in Karl-Marx-Stadt und später als Studentin in Florentine, Tel Aviv vom Textilhandwerk umgeben war.

Begonnen hat ihre Reise in Tel Aviv, wo sie im Rahmen des Projektes Liebeslied Chemnitz – Tel Aviv die ersten zwölf Prototypen dieser Edition in Form von Interviews und Portraits in Szene gesetzt haben. Zwölf Orte, zwölf Menschen und zwölf Geschichten erzählen aus unterschiedlicher Perspektive die Beweggründe eines jeden Einzelnen, die Entscheidung getroffen zu haben, in Israel zu leben und zu arbeiten. Basierend auf den Namen dieser Erzähler entstanden die jeweiligen Editionsnamen; zum Beispiel Model StacyYaniv, TimothyMichelle oder SarahYotam. Was danach passierte, war mit viel Glück und großem Engagement seitens der Produktionsstätten in Chemnitz verbunden. In Kollaboration mit der Professur Textile Technologien TU Chemnitz und Maximo Strickmoden (ehemals VEB Polar) entstand eine professionell hergestellte, limitierte Edition bestehend aus acht Farbmodellen, die später durch Mützen, Jacken und Mänteln ergänzt werden sollten.

 

Das Faszinierende, bzw. die Herausforderung der Stickerei ist fernab von Standards zu arbeiten und Lösungswege zu entwickeln, die dem Material, der Produktionsweise und der Verarbeitung entgegen kommen. Wir haben gelernt, dass wenn man einmal einen Prototypen zentimetergenau ausstrickt, es nicht bedeutet, dass das zweite Gestrick identisch ist. Es gibt so viele Parameter, die vor dem eigentlichen Strickvorgang in Betracht zu ziehen sind, dass allein die Programmierung und das Arrangement der Fadenführer eine Kunst für sich ist.

Wir haben auch gelernt, dass es heutzutage sehr schwer ist kontinuierliche Arbeitsbeziehungen auf nachhaltiger Basis aufzubauen, da viele Betriebe in der Textilproduktion dazu gezwungen sind Personal zu entlassen und aus Kostengründen ihre Arbeit ins Ausland zu verlagern. Die Tendenz der Nachfrage für nachhaltige, lokale Herstellungsprozesse steigt, jedoch ist es fast unmöglich qualifiziertes Personal zu finden, das die Kunst und Ausgefeiltheit dieses Handwerkes noch durchdringt und beherrscht. Mit der Wende wurden damals in Chemnitz leider alle Textilfabriken von der Treuhand abgewickelt, dass heißt aufgekauft und aus Konkurrenzgründen geschlossen. Etliche Menschen verloren ihre Existenzgrundlage und begegnen diesem Kapitel auch heute schweren Herzens. 

Vielleicht ist auch dieser roten Faden, der fragmentarisch jene Geschichten, an die man sich als Kind erinnert und zurücksehnt, Dippmanns Antrieb zu diesem Projekt. Inspiriert von den Erzählungen der Eltern und der Familie, die das alltägliche Tätigsein sowie die unterschiedlichsten Produktionsstätten und Kleingewerbe jener kleinen sächsischen Städte so lebhaft schildern als sei es erst gestern gewesen. Wenn man heute diese Orte besucht, sind dieses Bilder kaum vor unser geistiges Auge zu rufen, da man zu oft allein diese besagten Strassen entlangläuft und der Bäcker der einzige Ort ist, wo man Kundschaft antrifft. 

Kann man diese lebendige und kreative Atmosphäre dreißig Jahre später reanimieren? Kann man die Professionalität und Arbeitserfahrungen dieser vergangenen Generation wieder instandsetzen? Was bedeutet es heute im Kapitalismus lokal und zu fairen Arbeitsbedingungen „nachhaltig“ zu produzieren? Sollte man in dem Überfluss an Produkten und basierend auf unserer wachstumsorientierten Gesellschaft überhaupt noch neu produzieren? All das sind Fragen, die uns auf diesem Wege ständig begleiten. Sie sind sehr schwer zu beantworten, doch der Weg und die Diskussion darüber ist lohnenswert.

 

Text: Ivonne Dippmann

 

 

 

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